Text, Barbara Maas
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Kimmo Heikkilä
Anja Knecht
Tuija Helena Markonsalo
Okamoto Mitsuhiro
Susan Pietzsch
Ines Tartler

Schmuck Quickies



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Grenzüberschreitungen. Schmuck trifft Kunst
- Kunst trifft Schmuck

Daß bildende Künstler von Picasso über Max Ernst, Meret Oppenheim und Roy Lichtenstein bis hin zu Imi Knoebel mitunter Schmuck entworfen haben, ist hinlänglich bekannt. Die Umsetzung ihrer Ideen überließen sie dann vorzugsweise ausgebildeten Kunsthandwerkern: Kunst trifft Handwerk bei der Entstehung von Schmuck.
Daß Schmuckschaffende der zeitgenössischen Avantgarde sich seit den 60er Jahren mit ihren Arbeiten vom herkömmlichen Schmuckbegriff entfernten und für ihre Schmuckobjekte - zumeist Broschen - unter Hinweis auf deren skulpturale Eigenständigkeit Kunststatus reklamierten, kennt man u.a. von Jens-Rüdiger Lorenzen oder Peter Skubic: Im Schmuck trifft das autonome Kunstwerk auf den Körper.
Und dann gibt es da noch jene Stücke, die sich formal durchaus schmuckhaft geben, tatsächlich aber untragbar sind, wie etwa die Schmuckarbeiten aus Blei von Manfred Nisslmüller: Kunst steht in schmuckhafter Form im Raum - und kommentiert Schmuck.
Dies alles scheint Geschichte zu sein, wenngleich die Diskussion über Funktion, Bedeutung und Status von Schmuck und seine Zuordnung zum Kunsthandwerk, zur angewandten Kunst oder zum Olymp der freien Künste in regelmäßigen Abständen immer wieder einmal aufflammt. Nachdem der Schmuckbegriff allerdings teilweise bis zur Inhaltslosigkeit bzw. absoluten Beliebigkeit erweitert und damit ausgehöhlt wurde, scheinen die erbitterten Grundsatzdiskussionen und vehementen Standortbestimmungen, die in der Vergangenheit unbestritten auch ein beträchtliches Potential an kreativer Energie freigesetzt haben, leiser geworden zu sein.
Wie sich eine junge Generation von Schmuckschaffenden im Kontext von handwerklicher, angewandter und freier Kreativität verortet, zeigen die Arbeiten von sechs SchmuckgestalterInnen und KünstlerInnen aus Finnland, Japan und Deutschland, die im Rahmen eines zweiwöchigen, "interdisziplinären" Workshops zum locker formulierten Leitthema "Schmuck" auf Schloß Plüschow in Mecklenburg-Vorpommern entstanden.
Es ist vielleicht aufschlußreich festzuhalten, daß das Projekt hauptsächlich bei GestalterInnen aus der Schmuckszene auf Interesse stieß, während freie KünstlerInnen eher Zurückhaltung übten. Aus dem kleinen Kreis der Letztgenannten wählte eine Jury die in Berlin ansässige Videokünstlerin und Valie-Export-Schülerin Anja Knecht und den Japaner Okamoto Mitsuhiro aus.
Von den Schmuckschaffenden überzeugten die Projektvorhaben der beiden finnischen Bewerber Tuija Helena Markonsalo und Kimmo Heikkilä sowie der Mecklenburgerin und Organisatorin des Projektes Susan Pietzsch und schließlich Ines Tartler aus Berlin, die insofern eine Zwischenstellung einnimmt, als sie zwar ihre schmuckgestalterische Ausbildung u.a. an der Gerrit Rietveld Academie in Amsterdam absolviert, aber bereits während des Studiums den Schwerpunkt auf freies Arbeiten gelegt hat.
Welches sind nun die Ergebnisse dieser jungen Gruppe von Kreativen, die im Schnitt nicht älter als Anfang dreissig sind? Verkürzend ließe sich sagen, daß die freien Kunstschaffenden, also Anja Knecht und Okamoto Mitsuhiro, sich voll auf den herkömmlichen Begriff von Schmuck einlassen, indem sie diesen auf seine gesell-schaftliche Relevanz und seinen Körperbezug hin reflektieren oder ihn, formal nahe an der goldschmiedischen Tradition, als Medium für gesellschaftspolitische Aussagen nutzen. Die SchmuckmacherInnen hingegen scheinen die Gelegenheit beim Schopfe zu packen, aus dem - als einengend oder einfach als irrelevant empfundenen - Schmuckbegriff auszubrechen und freie Arbeiten vorzustellen bzw., wie im Falle von Susan Pietzsch, nonchalant zwischen Schmuck und Kunst zu pendeln und sich beider Medien gleichberechtigt als Vehikel für ein und dieselbe Thematik zu bedienen. Eine sehr individuelle, weitgefaßte Definition von Schmuck liegt den beiden Arbeiten von Ines Tartler zugrunde. Sie setzt Schmuck mit Raum gleich und überträgt vom Schmuck den Aspekt des "Machens für eine bestimmte Person" auf den Raum. Ihre Beschäftigung mit einem alten, sinnentleerten Raum verleiht diesem einen neuen Wert, gibt ihm Würde und Bedeutung zurück. Auf Schloß Plüschow nimmt sich Ines Tartler des verfallenden Kuhstalles an, säubert ihn, füllt seine Tränken mit Milch und "belebt" ihn mit zuvor im Internet recherchierten, teilweise sehr schmuckhaften Kuhnamen wie Perle, Hübsche, Holde oder Silber. Das Ergebnis der Aktion ist im Photo festgehalten: Ein entpersönlichter, vernachlässigter Raum erfährt Aufmerksamkeit und Zuwendung und wird dadurch erneut bedeutsam.
Ebenfalls auf die Umgebung von Schloß Plüschow nimmt Kimmo Heikkilä mit seinen großformatigen, wollenen Häkelarbeiten Bezug. Jeweils ein Wand- und Bodenobjekt sind der Natur und dem Detail der zivilisierten Welt entlehnt und greifen das Motiv der Baumwurzel bzw. des weiß-roten Absperrbandes, wie man es an Baustellen findet, auf. Aus ihrem natürlichen Kontext herausgelöst und zu einer Rauminstallation zusammengefügt, umgibt sie eine Aura von Absurdität: Die Wurzel schlängelt sich "haltlos" über den glatten Parkettboden, und das Absperrband an der Wand ist jeglicher Funktion enthoben.
Eines der Hauptthemen der Schmuckgestalterin Susan Pietzsch, das diese sowohl in Schmuck als auch in freie Objekte umsetzt, sind Genußmittel, vor allem Süßigkeiten, ihre Verpackung, ihr Inhalt und die ihnen beigefügten billigen Plastik-Trash-Figuren zum Sammeln. Pietzsch gießt kleine, normalerweise mit purem Zucker gefüllte Plastikroboter von stereotyper Form, wie sie in Japan weit verbreitet sind, in Zucker und hängt sie an neonfarbene Schnüre - ein Halsschmuck, der die durchaus fragwürdige Warenästhetik des Ausgangsproduktes mittels eines anderen Materials in eine neue Ästhetik überführt. In einer weiteren, freien Arbeit verfährt die Schmuckmacherin ähnlich, indem sie banale Plastikfiguren aus Eisverpackungen als schneeweiße Zuckerabgüsse auf eine von der Decke abgehängte Kugel montiert: Nicht Stroh zu Gold, aber Trash zu Schönheit!
Okamoto Mitsuhiro beschäftigt sich in seinem Werk schwerpunktmäßig mit der nationalen Identität der Japaner bzw. deren Verlust sowie mit dem Japan-Bild des Westens und den Festschreibungen einer vermeintlich japanischen Ästhetik.
Der Künstler bezieht sich dabei vorzugsweise auf Alltagsgegenstände wie Verpackungen, Firmenlogos oder Markenartikel und verfremdet diese, stellt sie in einen neuen, ironisierenden, subversiven Kontext. In seinem "Sushi-Planeten" bestückt er einen Globus mit den farbenfrohen Reishappen aus Plastik, wie sie zur Dekoration und Illustration der Speisekarte in den Schaufenstern japanischer Restaurants ausgestellt werden. Einen direkten Bezug zum Schmuck weisen seine Euro-Ringe auf, Do-it-yorself-Ringe aus Euromünzen, deren Mittelteil mit dem jeweils einzelstaatlichen Emblem herausgeschlagen werden kann, so daß nur das Vereinende, Verbindende Europas übrigbleibt, welches als Gegenmacht zu den globalen Amerikanisierungstendenzen verstanden wird: eine politische Aussage in schmuckhafter Form.
Vielleicht am intensivsten auf das Thema Schmuck in seiner gesellschaftlich vorherrschenden Bedeutung läßt sich Anja Knecht in ihrer Video-Ton-Installation ein.
Die inszenierte Video-Aufnahme zeigt ein traditionell aussehendes, "atmendes" Diamantcollier(imitat) vor schwarzem Hintergrund. Unterlegt ist das sich rhythmisch hebende und senkende Collier mit Dialogfragmenten aus dem Hitchcock-Film "Über den Dächern von Nizza", in dem Grace Kelly als Millionärstochter einem Juwelendieb, gespielt von Cary Grant, verfällt. Die von Anja Knecht ausgewählten Dialogausschnitte sind auf zwei Ebenen lesbar: als Dialog über Schmuck, dessen Wert und Besitz, und als Dialog über die Liebe. Dabei entfaltet sich seine Wirkung nicht allein über den Text, sondern vor allem auch über den Klang der Stimmen, vor allem der Grace Kellys: atemlos, herausfordend, sexy, ein bißchen zickig, sehr weiblich. Eine Stimme, die vorzüglich zum abgebildeten Collier paßt - und zu dem nicht abgebildeten, aber ungeheuer präsenten, imaginierten Frauenkörper. Der Schmuck macht den abwesenden Körper quasi sichtbar, "verkörpert" ihn und suggeriert die atemlose Bewegung des Hebens und Senkens des weiblichen Busens. Selten war ein weiblicher Körper als Leerstelle derart präsent, evoziert durch ein einziges, klischeehaftes Schmuckstück, das Bände spricht - über Verführung, Verlangen, Glamour, Besitz, Erotik, Echtheit, Täuschung......
Schmuck mit Körperbezug, Schmuck ohne Körperbezug, Schmuck mit gesellschaftskritischer Aussage, Raum als Schmuck, gar kein Schmuck - bei aller Unterschiedlichkeit der Positionen scheint ein Konsens gegeben zu sein: Unbefangenheit im Umgang mit dem Material und den diversen künstlerischen Medien und unbekümmerte Grenzüberschreitungen in jede erdenkliche Richtung.

B. Maas

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